Geschichte und Geschichten des ZKO

«Aus dem Glauben an Qualität»

Text von: Peter Marschel, Johannes Meili

«Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche», lautet ein Motto unserer Gesellschaft der Freunde des Zürcher Kammerorchesters (GFZKO), dem wir versuchen stets nachzuleben. Es hat uns schliesslich auch dazu bewogen, die Herausgabe dieses Bandes zu initiieren. Dass dieses Buch nun im 55. Jahr des Bestehens unserer Gesellschaft erscheint, dürfte auch die Exponenten der Gründergeneration mit grosser Genugtuung erfüllen. Was längst überfällig schien, wird nun umgesetzt, nämlich die Publikation einer Geschichte des Zürcher Kammerorchesters (ZKO). Das Schaffen von Edmond de Stoutz und der Musikerinnen und Musiker der ersten Jahre wird ebenso gewürdigt wie die Leistungen derjenigen, die die nachfolgenden Perioden geprägt haben. Das Buch ist aber auch als ein Geschenk an die kommenden Generationen gedacht, um die gesammelten Erinnerungen wachzuhalten. Bereits Franz Schubert schaute auf Mozarts Schaffen, um «in Zuversicht zu hoffen auf eine lichte, helle schöne Ferne». Um die Zukunft des ZKO muss man sich wohl nicht allzu grosse Sorgen machen. Heute wie gestern ist das Orchester ein Leuchtturm des Zürcher Kulturlebens und Botschafter der Stadt auf seinen Tourneen durch Nord- und Südamerika, Asien, Afrika und Europa, hier vor allem durch unsere Nachbarländer. Die Vertragsverlängerung mit dem heutigen künstlerischen Leiter Daniel Hope bis ins Jahr 2022 erfüllt die Freunde des Orchesters mit ebendieser Schubert’schen Zuversicht.

Eigentlich ist alles fast wie früher. Aber wann war früher, und wie war es denn früher? Für die Gründergeneration des ZKO begann die Geschichte bereits Ende der 1930er-Jahre am Gymnasium an der Rämistrasse. Professor Willy Hardmeier, der damalige Direktor der Tonhalle-Gesellschaft, leitete das dortige Schülerorchester (SOG), in dem Rudolf Baumgartner als Konzertmeister amtete und Edmond de Stoutz das erste Cello spielte und von Zeit zu Zeit auch dirigierte. Daraus entwickelte sich die Hausorchester-Vereinigung Zürich, deren erster dokumentierter öffentlicher Auftritt am 11. Dezember 1945 in der Zürcher Tonhalle aus Anlass der Abschlussfeier des Zivilen Frauenhilfsdiensts stattfand. Die erste Gage des Orchesters betrug gesamthaft 400 Franken. Danach spielte das Ensemble zahlreiche Konzerte im Zunfthaus zur Meisen, geprobt wurde in der Villa im Hohenbühl, dem Wohnhaus der Familie de Stoutz. In den Folgejahren wuchs das Orchester an seinen Aufgaben. Heute würde man wohl sagen, es professionalisierte sich: 1951 mit dem bahnbrechenden Konzert im Piccolo Teatro di Milano unter dem neuen Namen Zürcher Kammerorchester, dann mit dem ersten Gastspiel in Paris und 1956 mit 38 Konzerten auf der ersten Tournee eines Schweizer Orchesters durch die USA und Kanada. Auch wenn im Jahr 1954 die Registrierung im Zürcher Handelsregister erfolgte, der ursprüngliche Charakter des Orchesters blieb erhalten. Ohne die durch Edmond de Stoutz geprägte familiäre Atmosphäre wäre eine solche Aufbauleistung gar nicht zu schaffen gewesen. Aber trotz künstlerischer Erfolge blieb die materielle Basis des Orchesters lange unsicher. Sein Überleben gelang oft nur dank des ausserordentlichen Einsatzes der gesamten Familie de Stoutz. Edmonds Schwester Inès half nicht nur im Büro und an der Billettkasse, sie kochte auch den Kaffee und bereitete die Pausenbrötchen für die Musikerinnen und Musiker vor. Edmond de Stoutz selber verzichtete lange Jahre auf ein Honorar, und die Musiker akzeptierten familiensituationsbedingte Gagen. Das bedeutete, dass Musikerinnen, die etwa Ehefrauen gut verdienender Ärzte waren, Reduktionen ihrer Gagen in Kauf nahmen, um ärmeren Musikerkollegen mit Familie ein Grundeinkommen zu sichern. Damals gab es noch keinen GAV, und Solidarität dürfte auch einen anderen Stellenwert gehabt haben als heute. Tourte das Orchester durch die Schweiz, übernachteten die Musikerinnen und Musiker meistens privat bei Leuten in dem Ort, an dem das Konzert stattfand. Das schaffte eine familiäre Verbundenheit innerhalb des Orchesters und festigte Freundschaften mit den Gastgebern, die gleichzeitig auch Teil des Publikums waren.

Solche Freunde konnte das Orchester gut brauchen, denn bis Ende der 1960er-Jahre gab es keine Subventionen. 1963 initiierten der Jurist und NZZ-Redaktor Urs Schwarz und Edmond de Stoutz die Gründung der GFZKO, die von Lorenz Stucki während vieler Jahre präsidiert wurde. In der Festschrift zum 25-Jahr-Jubiläum des Orchesters erinnert er an die damaligen Beweggründe für die Gründung unserer Gesellschaft: «Die weitere Entwicklung dieses privaten Unternehmens, das – als einziges Berufsorchester der Welt ohne staatliche Unterstützung – zur internationalen Spitzenklasse gehörte und Hungerlöhne zahlen musste, war damals nicht vorauszusehen. Fast jede realistische Überlegung sprach gegen seine Zukunft, und die Gründung unserer Gesellschaft privater Mäzene erschien als ein Versuch, einem in unserer hart materialistischen Welt an sich nicht lebensfähigen Ensemble die Existenz am Rande des Untergangs etwas zu verlängern.»

Zeitweilig engagierten sich bis zu 1600 Mitglieder für das Orchester. Heute sind es mit 450 rund zwei Drittel weniger. Unter den Mitgliedern war und ist etwa mit Bundesrätin Elisabeth Kopp, den Gebrüdern Walter und Heinrich Bechtler, den Stadtpräsidenten Sigmund Widmer und Thomas Wagner, den Unternehmern Walter Haefner und Hans Heinrich Coninx sowie dem NZZ-Chefredaktor Fred Luchsinger auch viel Prominenz vertreten. Mit den jährlichen Beträgen in Höhe von durchschnittlich einer halben Million Franken finanzierte die Gesellschaft anfänglich nicht nur einen Teil der Alltagskosten des Orchesters, sondern legte damit auch die Fundamente der Pensionskasse und des Härtefonds für die Musiker.

1969 ermöglichten Mäzene aus den Reihen der Gesellschaft den Kauf einer Stradivari. Das wertvolle Instrument, das einst von Gerhart Hauptmanns Ehefrau Eva gespielt wurde, wird seither dem jeweiligen Konzertmeister zur Verfügung gestellt. Als das Orchester 2007 in eine finanzielle Notlage geriet und deshalb die Stradivari verkauft werden sollte, starteten die Freunde unter Leitung ihrer damaligen Präsidentin Regula Pfister die Aktion «Rettet die Stradivari». Innerhalb kürzester Zeit gelang es, 1,1 Millionen Franken zu sammeln, sodass vom beabsichtigten Verkauf Abstand genommen werden konnte. In den Folgejahren hat die Gesellschaft immer wieder Instrumente für das Orchester angekauft: Kesselpauken, Vuillaume-Geigen, Cembali und auch Reisekontrabässe. Die «Freunde» waren und sind aber nicht nur Geldbeschaffer. Sie sind auch Botschafter des Orchesters und dessen beste Lobbyisten. Das war bei der Abstimmung 1983 besonders wichtig, als das Zürcher Stimmvolk die Erhöhung der Betriebssubvention für das Orchester mit grossem Mehr bestätigt hat. Aber auch als 1994 der Zürcher Stadtrat eine Kommission beauftragte, ein «Leitbild für die Zürcher Berufsorchester» zu entwickeln und die Presse vom «Fallbeil über dem Kammerorchester» schrieb, war ihr Einsatz gefragt. Es war sicher dem breit abgestützten Einfluss unser Gesellschaft zu verdanken, die äusserst aktiv mitwirkte, dass eine «Kulturpolitik à la Seldwyla» verhindert werden konnte. Das hatte natürlich mit der Begeisterung zu tun, die Edmond de Stoutz und seine Musiker bei den Freunden und den übrigen Zürchern entfacht hatte. Es wurde eben nicht die Asche angebetet, sondern das Feuer weitergegeben. Dafür hat Edmond de Stoutz mit seinen Konzerten für Kinder, seinen kommentierten öffentlichen Proben und seinen unzähligen konzertanten Ausflügen in Zunfthäuser, Gartenanlagen und Fabrikhallen die besten Voraussetzungen geschaffen. Seine Gedanken über die Musik und das Leben hat er publiziert und auch gern immer wieder vorgetragen. Seiner Überzeugung nach sollte ein Kammerorchester stets nur einen Dirigenten haben und dieser nur ein Orchester. Solche Ansprüche leistete man sich damals noch. Man wollte musikalische Werte schaffen, die sich nicht am Markt orientierten. De Stoutz konnte sich, eingebettet in die vom gemeinsamen Anliegen vereinte Familie, ganz auf die Kunst des Orchesters und auf seine Rolle als Patron konzentrieren. Als mit Howard Griffiths der Generationswechsel vollzogen wurde, gab es neben Begeisterung auch Friktionen, und unsere Gesellschaft wurde einmal mehr gefordert. Ein «eigenes Zuhaus» war ein lang gehegter Wunsch des Orchesters. Regula Pfister konnte mit Unterstützung des Verlegers Hans Heinrich Coninx die Gelder akquirieren, so dass aus dem alten Hochspannungslabor des Schweizerischen Elektrotechnischen Vereins (SEV) das ZKO-Haus wurde.

Selbstverständlich waren das damals andere Zeiten. Haben wir unsere Sache besser gemacht? Wir haben sie mit Bestimmtheit anders gemacht! Die Gründergeneration des Orchesters, allen voran Edmond de Stoutz, war geprägt von einem glaubhaft nachvollziehbaren und damit ansteckenden Willen zur Kunst. Lorenz Stucki schrieb in der bereits genannten Festschrift: «Wir, die Freunde, haben dem Zürcher Kammerorchester von Anbeginn nicht aus einer Wohltätigkeitshaltung geholfen, sondern aus dem Glauben an die Qualität. Unsere Freundschaft galt nicht den ‹Armen›, sondern den Erstklassigen, den auf idealistische Weise Freien, derjenigen Gruppe, die ihre Loyalität in allen Schwierigkeiten aufrechterhielt, um des künstlerischen Niveaus willen.» Heute wird dasselbe auf Englisch ausgedrückt, nämlich mit «Excellence is the only answer», es meint aber dasselbe. Vielleicht ist dieses Primat der Kunst der Schlüssel für zukünftige Erfolge, genauso wie die real existierende unmittelbare Nähe zu uns Freunden und zum Publikum. Mit diesem Buch wollen die Freunde des ZKO dazu beitragen, dass das Feuer der Begeisterung an die zukünftigen Generationen weitergegeben werden kann und es dem Orchester den Weg in eine lichte, helle, schöne Ferne leuchtet.

Aus: MIT MUSIK STROMAUFWÄRTS;

Herausgeber: Peter Marschel, Peter Révai; NZZ Libro

Gesprochen (bei der Vernissage des Buches)  von Graziella Rossi

Gesellschaft der Freunde des Zürcher Kammerorchesters
Seefeldstrasse 305
8008 Zürich

Tel +41 44 552 59 12
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